Pferd als Spiegel: Was mein Pferd sieht, warum es dich durchschaut
Pferd als Spiegel – diesen Satz habe ich lange für eine hübsche Postkarten-Weisheit gehalten. Ich habe genickt und weitergeblättert. Dann kam ein Nachmittag, an dem ich mit einem Stapel frisch gedruckter Flyer im Auto saß, und seitdem verstehe ich ihn anders.
Ich hatte große Lust, wieder direkt mit Frauen und ihren Tieren zu arbeiten und nicht nur online. Also habe ich mir wunderschöne Flyer gebastelt, die meinen ganzen Wagen nach Druckerei riechen ließen. Ich habe überlegt, wo sie hängen sollen, und mir eine Fahrtroute zurechtgelegt – muss ja effizient sein.
Und dann bin ich am ersten Laden vorbeigefahren, ohne auszusteigen.
Mein Fuß lag schon auf der Bremse. Mein Herz raste, mein Hals wurde eng, meine Hände waren feucht, als müsste ich gleich vor Gericht und nicht in einen Laden, um zu fragen, ob ich einen Zettel ans schwarze Brett hängen darf. Ich habe Gas gegeben, mit einem Kloß im Hals und dieser heißen Scham im Gesicht. Was stimmt eigentlich nicht mit mir? Andere machen das doch einfach.
Was in mir passiert, wenn ich mich klein fühle
Ich möchte gesehen werden mit dem, was ich kann. Ich möchte es sehr, und gleichzeitig hält etwas in mir mit aller Kraft dagegen: bloß nicht auffallen, mach dich klein, sei bloß nicht zu viel. Das ist alt. Es kommt aus einer Zeit, in der ich wirklich klein war.
Am wenigsten hilft mir in so einem Moment ein gut gemeinter Rat. „Mensch Katja, geh doch einfach rein, wo ist denn das Problem?“ Der Satz ist lieb gemeint und trifft mich trotzdem jedes Mal. Mein Kopf weiß längst, dass hinter dem Tresen ein netter Mensch steht. Mein Gehirn hat die Situation trotzdem als lebensgefährlich abgespeichert und tut, wofür es gebaut ist: Es flutet mich mit Stresshormonen. Das ist kein Defekt, sondern ein ganz normaler Vorgang.
Dieser Alarm bleibt auch nicht im Kopf. Er sitzt in den Schultern, die abends hart sind wie Holz. Er weckt mich nachts um drei. Und er sitzt in einem Körper, der festhält, was er kriegen kann, weil er glaubt, es kämen schlechte Zeiten.
Pferd als Spiegel: Domino nimmt mir die Show nicht ab
Genau so stehe ich manchmal vor Domino, meiner 26-jährigen Stute. Innerlich mache ich mich klein. Und weil ich weiß, dass ich eigentlich klar und präsent sein sollte, mache ich mich künstlich groß: breiter Stand, tiefer Atemzug, souveräne Frau.
Domino nimmt mir das keine Sekunde ab.
Sie reagiert auf die Haltung, die ich wirklich habe, und nicht auf die, die ich einnehme. Wenn beides nicht zusammenpasst, glaubt sie dem, was echt ist. Genau das ist mit Pferd als Spiegel gemeint: Sie bewertet mich nicht, sie liest auch keine Gedanken. Sie antwortet einfach auf meinen tatsächlichen Zustand – sekundengenau und ohne Höflichkeit.
Hunde machen das übrigens genauso. Nelly, meine ängstliche Hündin, hat es mir jahrelang gezeigt, und ich habe es als ihr Problem gelesen.
Warum „reiß dich zusammen“ nichts verändert
„Reiß dich zusammen“ hilft meinem Pferd genauso wenig wie „geh doch einfach rein“ bei mir. Beides verlangt, dass etwas verschwindet, indem man es überspielt. Und der Unterschied zwischen überspielt und aufgelöst ist für ein Tier sofort erkennbar.
Deshalb kommen viele Frauen mit Training an einen Punkt, an dem es einfach nicht weitergeht. Training ist nicht schlecht, ich habe eine Menge davon gelernt. An dieser einen Stelle ist es der falsche Ansatz, weil dein Tier auf etwas antwortet, das sich nicht trainieren lässt.
Was sich ändert, wenn du dein Pferd als Spiegel liest
Zuerst ändert sich nur eines: die Frage. Aus „Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“ wird „Was zeigt mir mein Tier gerade über mich?“ Das klingt nach einem Umweg und spart auf Dauer erstaunlich viel Zeit und Geld. Wer am Symptom arbeitet, bucht die nächste Trainerstunde, den nächsten Kurs, das nächste Hilfsmittel. Wer an der Ursache ansetzt, braucht von alldem weniger.
Woran sich das zeigt: Das Verhalten verändert sich an mehreren Stellen gleichzeitig, obwohl niemand daran geübt hat. Das Pferd steht ruhiger am Putzplatz, und plötzlich ist auch das Verladen kein Thema mehr. Der Hund bleibt an der Leine entspannt, und gleichzeitig verschwindet das Bellen am Gartentor. Ein trainiertes Verhalten verändert sich an genau der Stelle, an der geübt wurde. Ein veränderter Zustand verändert das ganze Bild.
Wo machst du dich groß, obwohl du dich klein fühlst?
Vielleicht bei deinem Tier. Vielleicht ganz woanders – im Laden mit den Flyern, im Gespräch mit der Stallbesitzerin, in einer Mail, die du seit Tagen nicht abschickst. Die Stelle ist bei jeder Frau eine andere, das Muster dahinter ist verblüffend ähnlich.
Am 29. September um 19 Uhr schaue ich mir das mit dir gemeinsam an – an einem Abend zum Erleben, ohne Vortrag und ohne Programm zum Nachmachen. Anmelden kannst du dich hier: seemoorhof.de/Emona
Und die Flyer? Die hängen inzwischen. Geholfen hat mir weder Mut noch ein guter Ratschlag. Davon erzähle ich dir ein andermal.







