Pferd erziehen? Warum ich damit aufgehört habe
Pferd erziehen war für mich lange selbstverständlich: Wer ein Tier hat, bringt ihm etwas bei – Sitz, Fuß, ruhig stehen bleiben, immer mit einem kleinen Ziel im Kopf. Es gab eine Zeit, in der ich jeden Spaziergang, jede Trainingseinheit, jede gemeinsame Stunde mit meinen Tieren als genau so eine Gelegenheit gesehen habe, etwas zu verbessern. Heute mache ich das nicht mehr – und das hat alles verändert.
Der Moment, der mich zum Nachdenken gebracht hat
Ich erinnere mich an einen Tag mit Domino, an dem nichts funktionierte. Ich wollte etwas üben, sie wollte es nicht, und je mehr ich drängte, desto weiter zog sie sich zurück. Irgendwann habe ich einfach aufgegeben – nicht resigniert, sondern wirklich losgelassen. Ich habe mich hingesetzt und nichts mehr gewollt. Und genau in diesem Moment kam sie von selbst zu mir.
Das war kein Zufall, und es war auch nicht das erste Mal, dass mir so etwas auffiel. Aber es war der Moment, in dem ich verstanden habe, was da eigentlich passiert: Solange ich ein Ziel hatte, war ich nicht wirklich bei ihr. Ich war bei meinem Plan.
Was „Pferd erziehen“ für mich früher bedeutet hat
Wenn ich ehrlich bin, war meine Vorstellung vom Pferd erziehen jahrelang von der Idee geprägt, dass ein gutes Pferd ein gehorsames Pferd ist. Ruhig am Halfter, brav beim Verladen, konzentriert bei der Bodenarbeit. Alles Dinge, die man einem Pferd „beibringen“ muss, dachte ich. Und ja, Domino kann das alles – aber nicht, weil ich es ihr antrainiert habe, sondern weil sie sich bei mir sicher genug fühlt, um mitzumachen.
Der Unterschied klingt klein, ist aber riesig: Ein erzogenes Verhalten funktioniert, solange der Druck da ist. Ein Verhalten, das aus Vertrauen entsteht, bleibt auch dann bestehen, wenn ich gar nichts von ihr will.
Erziehen versus Begegnen
Seitdem stelle ich mir bei jeder Begegnung mit einem Tier eine andere Frage: Nicht „Was soll es lernen?“, sondern „Was passiert gerade zwischen uns?“. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, ist aber ein völlig anderer Ausgangspunkt. Erziehen setzt voraus, dass etwas fehlt oder falsch ist. Begegnen setzt voraus, dass schon alles da ist, was gebraucht wird – man muss nur hinschauen.
Das bedeutet nicht, dass meine Tiere nichts mehr lernen. Es bedeutet, dass das Lernen nicht mehr der Grund ist, warum ich mit ihnen zusammen bin.
„Aber lernt dein Pferd dann noch etwas?“
Diese Frage bekomme ich oft, wenn ich davon erzähle, dass ich aufgehört habe, Pferde im klassischen Sinn zu erziehen. Die Antwort ist: mehr als vorher. Nur eben anders. Domino lernt jeden Tag – wie sie sich sicher fühlt, wie sie mir mitteilen kann, was sie braucht, wie eine Begegnung aussieht, die nicht von einem Ziel überschattet wird. Das ist kein Rückschritt gegenüber klassischem Training. Es ist eine andere Grundlage dafür.
Wer sein Pferd erziehen möchte, ohne dabei den Kontakt zu verlieren, landet früher oder später bei genau dieser Frage: Geht es mir um Verhalten – oder um Beziehung?
Auch beim Hund gilt das Gleiche
Bei Nelly, meiner Hündin, zeigt sich das genauso deutlich wie bei Domino. Auch bei ihr ertappe ich mich manchmal noch dabei, ein Verhalten „wegtrainieren“ zu wollen, statt zu fragen, was gerade dahintersteckt. Der Unterschied zwischen Pferd erziehen und Pferd begegnen lässt sich eins zu eins auf den Hund übertragen – und wahrscheinlich auf jede Beziehung, in der wir uns dabei ertappen, jemanden verändern zu wollen, statt ihn zu sehen.
Was du daraus mitnehmen kannst
Du musst dafür kein Pferd haben und auch keine besondere Vorerfahrung. Der erste Schritt ist oft einfach: einmal nichts wollen. Sich hinsetzen, ohne ein Ziel im Kopf, und beobachten, was passiert. Bei vielen Menschen verändert schon dieser eine Moment etwas – so wie er es bei mir und Domino verändert hat.
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