Pferd rennt vor Halfter weg?
Ich habe das Halfter in der Hand, gehe zum Trail und Domino? Sie macht auf dem Absatz kehrt und gibt Hackengas – dieses Bild kannte ich lange nur zu gut. Sobald ich früher das Halfter in der Hand hatte, drehte Domino sich auf dem Absatz um und lief weg. Egal, ob es um die Hufbearbeitung ging oder einfach nur darum, sie von der Herde zu trennen, damit sie in Ruhe fressen konnte, ohne dass die Jungs sie ständig störten. Das war lange ein echter Knackpunkt zwischen uns.
Der Moment, den ich heute festhalten möchte
Heute ist daraus etwas ganz anderes geworden. Domino stellt sich inzwischen von selbst ans Tor und sagt mir auf ihre Weise: „Ich will jetzt raus in den Garten, dort Gras fressen, ganz für mich allein.“ Und dann läuft sie einfach hinter mir her über den ganzen Hof – ganz ohne Halfter, ganz ohne dass ich sie irgendwohin ziehen müsste – kein Strick, kein Zerren, kein Nachlaufen. Nur zwei, die in dieselbe Richtung gehen.
Was Domino mir schon viel früher gesagt hat
Im Rückblick war das Halfter nur ein Symptom. Schon früh kam von Domino eine viel grundsätzlichere Ansage: Ich will keine Ausrüstung, weder Sattel noch Gebiss, am liebsten gar nichts zwischen uns. Ich habe das lange nicht verstanden – oder besser gesagt, ich habe es gehört, aber nicht wirklich zugelassen, weil es nicht zu dem passte, was ich aus Büchern, Kursen und den Vorgehensweisen anderer Menschen gelernt hatte.
Wenn wir unseren Tieren wirklich zuhören, nehmen wir wahr, was sie uns die ganze Zeit schon mitteilen wollen. Das Problem ist selten, dass sie nicht deutlich genug sprechen. Das Problem ist, dass wir so viel Müll im Kopf mit uns herumtragen – Denkweisen von anderen, Methoden, die wir uns abgeschaut haben, alles von außen. Dabei liegt die eigentliche Wahrheit in uns selbst: in der Intuition, die wir oft als Erstes ausschalten, sobald jemand mit mehr Erfahrung uns etwas anderes erklärt.
Ein Vergleich, der mir die Augen geöffnet hat
Mit Madeira, meinem anderen Pferd, war ich all die Jahre nur mit Knotenhalfter und ohne Sattel unterwegs – das ging von Anfang an, ganz selbstverständlich. Mit Domino hätte ich mich das nie getraut. Sie war nicht schwieriger gewesen, sondern auf beiden Seiten fehlte das Vertrauen. Es hat Jahre gedauert, bis ich Domino wirklich verstanden habe: Sie hätte längst mit mir reiten wollen – nur eben ohne Ausrüstung, auf ihre Bedingungen.
Was sich dazwischen wirklich verändert hat
Früher war das Halfter für Domino ein Signal, dass jetzt etwas mit ihr passiert, das sie nicht mitbestimmen kann – kein Wunder, dass sie floh. Heute weiß sie, dass sie auch Nein sagen darf, dass ich frage statt fordere, und dass sie am Ende trotzdem gehört wird. Das Weglaufen war also nie das eigentliche Problem. Es war die ehrlichste Antwort, die sie auf eine Situation geben konnte, in der sie sich nicht gesehen fühlte.
Was du daraus für dich mitnehmen kannst
Wenn dein Pferd beim Halfter geht statt bleibt, lohnt sich die Frage: Wofür steht das Halfter für dein Pferd gerade? Für „jetzt wird mir wieder etwas übergestülpt“ – oder für „jetzt kommt jemand, der mich fragt“? Die Antwort liegt selten im Handling selbst, sondern in allem, was drumherum passiert – und manchmal auch darin, wie viel von dem, was du tust, wirklich deine eigene Intuition ist und wie viel nur übernommene Methode.
Der Zeit- und Nervenaspekt
Ehrlich gesagt hat mich das jahrelange Hinterherlaufen auf der Weide mehr Zeit und Nerven gekostet als der ganze Weg dorthin, wo wir jetzt stehen. Jedes Mal, wenn ein Pferd geht statt zu bleiben, kostet das im Kleinen genau diese Zeit – Minuten, die sich über Jahre zu ziemlich vielen verlorenen Stunden summieren.
Heute, mit 26
Domino ist inzwischen 26 Jahre alt. Ein glückliches, gesundes Pferd, das sich holt, was es braucht – ganz ohne dass ich es ihr bringen oder aufdrängen müsste. Das ist für mich der eigentliche Beweis, dass der lange Umweg über Zuhören statt Ausrüsten der richtige war.
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